Zimmer in Berlin

Alexandra Sonnental Zimmer in BerlinDie Frau im schwarzen Wintermantel hakt sich bei ihrem Begleiter unter. Seite an Seite betreten sie eine weihnachtlich dekorierte Hotel-Lobby im Prenzlauer Berg. Unter den bunten Stiefeln der Dame ist ein roter Teppich ausgebreitet und an den hellen Marmorwänden hängen wuchtige Spiegel mit dicken Goldrahmen voller Blumen-Ornamente. An der weißen Stuck-Decke funkelt ein Kronleuchter mit Kristallen, die wie Diamanten das Licht brechen und regenbogenfarbene Blitze abfeuern.
„Wow! Das ist ja wirklich todschick!“, bewundert die Frau das Ambiente und lächelt verhalten.
„Freut mich, dass es dir gefällt“, sagt der dunkelhaarige Mann, der ein paar Zentimeter kleiner ist als sie und mit leichtem osteuropäischen Akzent spricht.
Immer noch untergehakt schreiten sie über den roten Teppich zur Rezeption. Den braunen Holztresen zieren Schnitzereien.
„Das nenne ich Luxus!“, meint die Frau mit den schulterlangen braunen Locken.
„Heute sollst du glücklich sein“, antwortet er sanft und haut mit der rechten Hand auf die Glocke an der Rezeption.

(…)

Sie schließt die Tür, streift sich den schwarzen Wintermantel ab und zieht die Stiefel aus. Der Mantel bekommt einen Platz an einem der drei Messinghaken neben der Zimmertür.
„Schön, dass ich mit dir hier sein darf“, säuselt Jan mit zärtlich gedämpfter Stimme. Auch er hängt seinen schwarzen Anorak an den Haken, schlüpft aus den schwarzen Leder-Halbschuhen und macht einen Schritt auf sie zu. Sie trägt ein langes schwarzes Baumwollkleid und eine schwarze Strumpfhose. Er legt seine Arme um ihre Taille und zieht sie eng an seine Seite. Seine braunen Augen glänzen vor Verlangen.
„Am liebsten will ich dich gleich“, gibt er ihr zu verstehen.
Sie schweigt und lässt sich von ihm küssen. Hastig hebelt sich seine Zunge durch ihre Zahnreihen und rutscht in ihren Rachen.
Ihre Gesichtszüge verrenken sich.
„Nicht so schnell! Sanfter!“, protestiert sie. „Erst mal ohne Zunge, bitte!“
„Ok … Sorry!“
Seine vollen Lippen reiben sich an ihren Wangen und bahnen sich wieder den Weg zu ihrem Mund.

(…)

„Was ist los?“
Seine traurigen Haselnuss-Augen suchen vergeblich Kontakt zu ihr.
„Nichts. Lass uns ficken und dann ins Spa gehen.“
„Warte, ich hole ein Kondom.“
Er springt auf und durchwühlt seine Reisetasche. Sie seufzt und vergräbt ihr Gesicht im weißen Kopfkissen. Er zieht sich hastig das Gummi über den Schwanz und sie kuschelt sich an die Bettdecke wie an einen imaginären Lover. In ihren Augen hat sich Tränenflüssigkeit gesammelt. Sie kneift sie wieder zu, als er sich auf sie legt und in sie eindringt. Nach drei oder vier langsamen Stößen rammelt er auf ihr wie ein Karnickel.
„Langsamer!“, weist sie ihn an und verzieht ihr Gesicht, das sie von ihm und seinen Küssen abwendet.
„Ist alles ok mit dir?“
„Ich spüre dich nicht. Wie bei den letzten Malen! Ich glaube, wir sind anatomisch inkompatibel und ich hasse Gummi-Sex! Außerdem habe ich kalte Füße.“
„Sag doch das nicht!“

(…)

„Das stimmt. Es gibt so viele Menschen, aber man trifft niemanden. In dieser Stadt regiert die Oberflächlichkeit“, sagt Jan.
„Genau. Und deshalb will ich weg von hier.“
„Ob dich das glücklicher macht? Berlin ist überall“, antwortet Jan. „In Wien war es nicht besser, in Oslo auch nicht.“

(…)

Mit frisch geföhnten Haaren tapst sie hüllenlos zurück ins Zimmer. Jan hat sich unter der Bettdecke eingemummelt. Es leuchtet nur noch die Nachttischlampe auf der rechten Bettseite, die er für sich okkupiert hat. Er schaut erwartungsvoll in ihre Richtung. Lucias Smartphone auf dem Schreibtisch sondert hellblaue Leuchtsignale ab.
„Geht’s dir wieder besser?“, fragt Jan.
„Ja! WhatApp!“, schießt es aus Lucia heraus.
Sie stürmt zum Schreibtisch und grabscht nach ihrem Handy. Nach einem Blick auf den Display bricht sie in Gelächter aus: „Haha! Das ist ja frech! Der fragt mich auf Italienisch, ob wir gefickt hätten!“
„Wer?“
„Luigi natürlich!“

Was hat Jan und Lucia zusammen geführt? In welcher Beziehung stehen die beiden zueinander? Und wer ist eigentlich Luigi? Lesen hilft gegen Neugier, in diesem Fall „Zimmer in Berlin“, unter anderem erhältlich bei Amazon!

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