Nachtspaziergang

Ich sitze immer noch in der Lobby des Grand Hotels Kloaković und vertraue meinem Tablet erotische Fantasien mit Zlatko an. Mein treuer Taschencomputer schläft jede Nacht neben mir und plaudert nichts aus. Nur er weiß, dass ich mich in den sexy-hexy Reiseleiter verguckt habe. Schade, dass mich die zwei asexuell wirkenden Single-Männer aus der Gruppe kalt lassen! Die beiden Endvierziger tragen sogar noch beim Abendessen ihre abtörnenden Wanderschuhe und sind sich einig in dem Punkt, keine Freundin haben zu wollen. Der eine führt sonntags lieber seine Mutti zum Essen aus.
Ab und zu, wenn ich hier schreibend in Träumereien versinke, schleicht Zlatko an mir vorbei, strahlt mich an und fragt mich mit seinem hinreißendsten Lächeln nach meinem Befinden. Dann plaudern wir über dieses und jenes, während vor mir auf dem Bildschirm schwarz auf weiß geschrieben steht, was ich mit ihm anstellen möchte. In Wirklichkeit würde ich die Sache nicht so offensiv angehen wie in meinen Schmierereien. Lieber möglichst lange mit ihm quatschen, obwohl ich nur noch drei Tage Zeit habe. Dass ich mich immer von den falschen Männern angezogen fühle, hat sich ja eh zur Gewohnheit entwickelt. Ich bin aber nicht blöd! Meine feinen Antennen empfangen deutliche Signale von Zlatko. Wir sind vor fünf Tagen drei Stunden vor der Küste von Starigrad Kayak gefahren – ich vorne und er hinten als Steuermann. Wir beredeten teilweise sehr private Themen und plötzlich meinte er: „Ich darf eigentlich nicht mit dir alleine sein. Wenn ich was mit dir anfange, kostet mich das meinen Job.“
Die Funken zwischen uns sprühten trotzdem bis auf die höchsten Gipfel im Nationalpark Paklenica, die wir auf See immer im Blickfeld hatten. Das Gemeine ist, dass ich mir diese Gefühlsduselei genauso wenig ausgesucht habe wie meine Tommi Ficker-Manie. Ich wollte einfach nur in Kroatien Urlaub machen, weil das Land so wunderschön und abwechslungsreich ist. In den Buchungsunterlagen stand absolut gar nichts von amourösen Verwicklungen mit einem Kroaten, der zufällig die Reise leitet! Wieso bloß immer solch ein Karma-Drama?
„Na, wieder am Schreiben?“
Ich schaue von meinem Bildschirm auf – direkt in Zlatkos himmelblaue Augen. Er lächelt mich an wie ein Mann, der sich für mich als Frau interessiert. Fantastisch, dass der Reiseleiter Feierabend hat! Ich trage diesmal keine Sonnenbrille. Mir ist bewusst, dass man in meinem Gesicht lesen kann wie in einem Buch. Zu viele Menschen haben mir das seit meiner Kindheit gesteckt. Meine Gefühle schimmern aus jeder Pore. Vor allem meine Augen und mein Mund gestehen Zlatko, dass ich ihn süß finde.
Kindlich verlegen stammele ich: „Schreiben? Ah ja … Ich lege gleich mal eine Pause ein. Und du? Hast du Pläne für den Abend?“
„Ich überlege, ob ich noch einen Spaziergang machen sollte. Ein paar Leute aus der Gruppe waren gestern bei der Wallfahrtskirche.“
„Wollen wir zusammen hingehen? Ich bin immer noch ganz schön voll vom Essen und könnte einen Verdauungsspaziergang gut gebrauchen.“
Mein Mut lässt mich staunen. Im Umgang mit Männern, die mir gefallen, verhalte ich mich sonst so schüchtern wie mit 14. Ich erwarte eh eine Abfuhr, aber Charme-Bolzen Zlatko antwortet zu meiner großen Überraschung: „Ja, sehr gerne.“
Eine Energiewelle schwappt aus dem Bauch in meine Herzgegend. Zlatko gibt mir endlich in der Realität eine Chance, mit ihm allein zu sein! Ich klappe mein Tablet zusammen, ohne es vorher auszuschalten, springe vom Sessel hoch und freue mich: „Warte! Ich hole schnell meine Jacke vom Zimmer!“
Nach einem morgendlichen Wolkenbruch wehte den ganzen Tag ein kühler Wind. Dies ist der erste Abend meiner Reise, an dem ich draußen ohne Jacke erfrieren würde. Außer jetzt, denn in Zlatkos Gegenwart wird mir wohlig warm ums Herz! Ich renne wie ein junges Reh die Treppe nach oben und tauche auf meinem Zimmer kurz ein in den ekelhaften Kanalisations- und Insektenspray-Mief à la Kloaković. Definitiv kein Ambiente, in dem ich Zlatko verführen möchte! Ich würde ja auch nicht in einer Kläranlage schwimmen gehen. Innerhalb von Sekunden fische ich die Jacke aus meinem kreativen Chaos. „Liebes Universum, bitte lass Zlatko unten auf mich warten!“, flüstere ich auf dem muffigen Gang ein Stoßgebet.
Zu meinem Glück erfüllt mir das Universum den Wunsch. Wir gehen an die frische Luft und schlendern schweigend an der Uferpromenade des Örtchens Tisno entlang. Es erstreckt sich auf der Festland-Seite und auf der Insel Murter. Das Kloaković hat sich gleich neben der Tisno-Brücke auf der Insel angesiedelt. Täglich um 9 und 17 Uhr wird die Brücke nach oben gefahren, um Yachten und andere Motorboote passieren zu lassen. Dieses leicht skurrile Schauspiel bringt jedes Mal Touristen-Schwärme auf die Idee, ihre Fotoapparate und Handy-Kameras zu zücken. Die Tisno-Brücke ist jedoch das letzte, was mir gerade durch den Kopf geistert.

(…)

Tisno in Kroatien

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