Lieb‘ mich!

Morgenröte dringt ins Wohnzimmer meines Bruders Mario, wo ich in einem King Size-Doppelbett aufwache. Ich meine mich zu erinnern, dass dort gestern Abend noch seine Leder-Couchgarnitur stand, aber ich kann mich auch täuschen. Mario nimmt ab und zu kleine Änderungen an seiner Wohnung vor. Ich will zurück nach Berlin. Es wird langsam Zeit, dass ich aufstehe, meine Klamotten packe und mich zum Bahnhof chauffieren lasse. Ansonsten ersticke ich in diesem Mief aus Kleinbürgerlichkeit und den ach so guten Ratschlägen! Warum gehe ich eigentlich in meinem roten Negligé schlafen? Ein langes, geblümtes Baumwollnachthemd wäre als Nachtgarderobe für Wochenenden bei meiner Familie viel passender.

Irgendetwas rumort im Hausflur. Ich höre Gepolter und Schritte. Türen werden geknallt und lassen mich mit Erinnerungen an den Familienalltag meiner Kindheit und Jugend zusammenzucken. Mario und seine heißgeliebte Freundin können es nicht sein. Die beiden ewigen Teenager machen die ganze Zeit Urlaub auf dem Traumschiff, halten Händchen in der Schwarzwaldklinik und paaren sich bei Sonnenuntergang im Bett im Kornfeld.
Ich schlüpfe unter der Bettdecke hervor und stürme zur Tür, die im gleichen Moment aufgerissen wird. In Sekundenbruchteilen fügt sich alles zu einem Bild: Zwei Holzkeulen tragende Schlägertypen und eine kleine Frau mit kurzen schwarzen Haaren blockieren mir den Weg. Ich kenne dieses Weib von irgendwoher. Lange ist es her, seit diese Person mich das letzte Mal angefleht hat: „Lieb mich, Hanni!“
Dieser Satz und ihre toten dunklen Augen treffen mich mitten in die Magengrube. Ich heiße Johanna. Nur für meine Mutter, meinen Bruder und seine Landpomeranze bin ich die gewaltsam verkleinerte Hanni. Die Frau im Hausflur gehört jedenfalls nicht in diesen kleinen, bescheidenen Kreis. Ich weiß nur, dass sie mich mit ihrer manischen Sucht nach Liebe verfolgt, harte Drogen nimmt und zur Flasche greift. Der Alkohol schmeckt ihr genauso gut wie dem Herrn, dem ich mein Leben zu verdanken habe!
„Hau ab“, sage ich kalt.
„Ach ja?“, antwortet der Keulenträger zu meiner Linken und grinst unter seinem HipHop-Käppi. Er hat ein vergilbtes Gebiss und eine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Nur schwer kann ich mich seinem Anblick entziehen, denn er hat noch mehr zu sagen: „Wer soll sich verpissen, Votze? Ein falsches Wort und wir machen Brei aus dir!“
Sein Kollege lacht verächtlich. Die Frau springt auf mich zu und umklammert mich wie ein verstoßenes Kind.
„Hab‘ mich lieb, Hanni!“, flüstert sie.

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