Letztes Glas für Tommi F.

„Dobar dan“, sage ich ‚Guten Tag‘ auf Kroatisch. „Do you speak English? Oder Deutsch?“
Der Mann hinter dem Tresen des Weinladens antwortet mir: „Dobar dan! English, no. Deutsch, ja.“
„Oh super! Ich würde gerne die wunderschöne Aussicht übers Meer auf der Terrasse gegenüber genießen. Sie verkaufen doch auch einzelne Gläser Wein, oder?“
„Erst Glas Wein, dann ganze Flasche“, scherzt der rotgesichtige Kroate. Er hat einen schwarz gelockten Haarkranz und trägt eine rote Schürze über dem weißen Hemd. Seine dunklen Augen strahlen mich ein bisschen glasig an.
„Eine ganze Flasche schaffe ich jetzt leider nicht. Lieber ein Glas Rosé-Wein.“
„Ganze Flasche macht gute Laune, junge Frau. Nehmen Sie platz.“
Der Wirt weist mit seiner wurstigen Hand in Richtung Terrasse, wo vier Tische zu stilvoll, elegantem Weingenuss mit Panorama-Meerblick einladen. Dieser filmreife Ort ist mir schon kurz nach meiner Ankunft mit dem Ausflugsboot aufgefallen. Hier möchte ich unbedingt mit mir selbst auf den Tod von Tommi Ficker anstoßen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass mein speziellster aller Freunde hackedicht einen Unfall gebaut haben soll und irgendwo in Berlin aufgebahrt in der Pathologie liegt. Drei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Die eine Seele weint, die zweite belehrt mich: „Er hat es nicht anders verdient!“ Meine dritte Seele fühlt sich einfach nur glücklich und im Einklang mit der Welt.
Ich bin in Vrbnik auf Krk und habe mich von der Reisegruppe abgeseilt. Die anderen mapfen weiter unten im Ort Schafskäse und Schinken in einer düsteren Konoba. Als Konoba bezeichnet man hierzulande die Weinkeller, hat uns Zlatko, der fesche Reiseleiter, verraten.
Diese Terrasse fixt mich an wie kein anderer Platz in Vrbnik mit seinen engen, mediterranen Gassen. Endlich lasse ich mich auf einem Hocker an einem der Tische nieder. Weit unter mir funkelt das Sonnenlicht wie ein gigantischer Diamant auf dem azurblauen Meer, über mir am Himmel haben die Strahlen alle Wolken weggebrutzelt. Ich bin umgeben von Blau, Türkis, dem Weiß der Häuser mit den landestypisch ziegelroten Dächern. Eine weiße Balustrade trennt mich von den Felsen, auf die ich mich wahrscheinlich stürzen würde, wenn Tommi meine Liebe erwidert hätte. Aber nein, er wäre dann quicklebendig bei mir und hielte mich im Arm. Tommi, der schlimme Finger. Tommi, der an seinen Psycho-Problemen zugrunde gegangen ist. Tommi, das bedauernswerte Menschlein. „Ach, fuck it!“, denke ich.
Auf dieser Terrasse in Vrbnik auf Krk amüsiere ich mich lieber über die vielen Konsonanten in der kroatischen Sprache. Man muss Vrbnik auf Krk mit stark rollenden Rs aussprechen. Vrrrrrbnik auf Krrrrrk! Und Kroatien heißt in der Landessprache Hrvatska. Ich grinse in mich hinein, als mir der Wirt das Glas mit dem Rosé-Wein serviert.
„Hvala“, bedanke ich mich.
„Schöne Lächeln!“, kommentiert er meine Grinsebacken.
„Ja, kein Wunder bei so viel Sonnenschein und der herrlichen Aussicht!“
„Haben Sie schon Weinprobe gemacht?“, will der Mann wissen.
„Ja, da komme ich gerade her“, offenbare ich. „Zusammen mit der Reisegruppe, aber ich hatte keine Lust, die ganze Zeit in dem dunklen Weinkeller zu hocken. Hier bei Ihnen ist es viel netter!“
„Sie können Weinprobe auch hier machen. Meine Familie produzieren Wein aus Žlahtina-Traube von Insel Krk.“
Žlahtina klingt fast wie Schlachtina, nur weicher. Ich assoziiere den Namen der Traube mit Schlachten! Der Alkohol hat Tommi Ficker geschlachtet. Alkohol, Koks und Psychodreck.
Ich seufze: „Leider keine Zeit. Mir reichen dieses Glas Wein und der Blick übers Meer.“

(…)

Letztes Glas für Tommi F.

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