Der Mann und der Froschkönig

Der Mann und der Froschkönig

Es war einmal ein Mann, der lebte in einem Häuschen am Rande eines kleinen Dorfes. Jeden Tag spazierte er mit seiner treuen Hündin Zora durch die grünen Wiesen, Hügel und Wälder hinter seinem Garten, wo ihm die Vögel in der Frühe stets lieblich zwitschernd ein Morgenständchen sangen.

Fiel einmal ein Vogeljunges aus seinem Nest, hegte, pflegte und fütterte er es, bis es seine Flügel spreizte und in die weite Welt hinaus flog. Die Tiere im Lande liebten den Mann und er liebte sie innig zurück. Jedem Geschöpf, das in Not geraten war, gewährte er Unterschlupf. Eines Sommers kauerte ein mutterloses Krähenkind unter seinem Dach. Im Winter darauf miaute eine ausgehungerte Katze an seiner Tür: „Lass mich doch herein!“

Der Mann nahm sich der Tiere an und redete mit ihnen in ihren Sprachen. Eines Tages gingen sie alle wieder ihres Weges. Für die graugetigerte Samtpfote hatte er ein Zuhause gefunden, die Krähe war erwachsen geworden und folgte dem Ruf der Freiheit. Zora wachte immer an seiner Seite und wärmte dem Mann das Herz, wenn er sich traurig und einsam fühlte.

Ein Schneider aus der Hauptstadt hinter dem Berg hatte ihm gelehrt, was Traurigkeit bedeutet. Er war ein Mann der Mode und bei den feinen Damen im ganzen Land bekannt: Sie kauften seine weiten, schwarzen Gewänder und fühlten sich wie Prinzessinnen. Schon als Jüngling hatte der Schneider nur Knaben geküsst, so dass ihm das Antlitz der holden Weiblichkeit ein Buch mit sieben Siegeln war.

Auch den Mann aus dem Dorf hinter dem Berg küsste der Schneider so unendlich zärtlich, dass das Herz des Tierfreunds in einem warmen Ozean der Liebe versank. 14 Mal ging die Sonne auf und unter – so lange schenkte der Schneider dem Mann eine Illusion von Glück. Ehe die Sonne zum 15. Mal hinter den Hügeln aufsteigen konnte, zog er von dannen. „Wir können nicht mehr zusammen sein“, sagte er kühl zum Abschied und kehrte zurück in die Hauptstadt.

Kein einziges Mal schaute der Schneider zurück auf das Herz, das er in tausend Teile zerbrochen hatte. Der, der die schweren Trümmer in seiner Brust tragen musste, vergrub sich in seinem Schmerz und kuschelte sich an Zora, die seinen Kummer spürte, ihm die Schnauze in den Schoß legte und ihn mit traurigen Hundeaugen ansah. Ihr Herrchen konnte nichts mehr essen und berauschte sich tagelang am Wein. Bei so viel Trauer weinten sogar die Tiere im Garten.

Mehrere Wochen verstrichen und die bitteren Tränen trockneten. Der Mann wurde der Liebe zu den Menschen überdrüssig und beschloss, sein Herz nur noch vor den Tieren zu öffnen. Eines Abends quakte ein Frosch auf seiner Terrasse. Das zierliche Wesen war von solch intensivem Grün, wie es noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hatte.

Seine leuchtende Farbe und die großen schwarzen Augen des Frosches brachten den Mann zum Lächeln. Er streckte seine rechte Hand nach ihm aus und der Frosch hüpfte hinein.
„Bist du ein komischer Kamerad“, wunderte er sich. „Eigentlich müsstest du doch Angst vor mir haben.“

Der Frosch schaute ihn eindringlich an und antwortete „Quak“, als sich der Blick seines menschlichen Gefährten zum Abendhimmel erhob. Die untergehende Sonne hatte das Firmament gelb, orange und rot bemalt und die wenigen Wolken formierten sich zu Buchstaben. „Küss ihn“, schrieben sie in den Himmel.

Der Mann schüttelte den Kopf, starrte den grünen, grünen Frosch in seiner Hand an und zierte sich: „Nein, das ist doch alles verrückt! Nur im Märchen küssen dumme Prinzessinnen Frösche, aber das hier ist das wahre Leben, kein romantischer Traum!“

Da spitzte der Frosch die Lippen und hüpfte dem Mann ins Gesicht. Als sich ihre Münder trafen, donnerte es so laut, dass selbst die Bewohner der Hauptstadt den Knall in ihren Häusern hörten.

Für ein paar Sekunden wurde dem Mann schwarz vor Augen. Als das Licht wieder vor ihm dämmerte, glaubte er, ein Trugbild habe ihn heimgesucht. Ein wunderschöner Prinz griff gerade nach der Hand, in der soeben noch der Frosch gesessen hatte.

„Hab keine Angst“, sprach der Prinz sanft. „Du hast mich erlöst, denn du bist der, der immer für mich bestimmt war. Es ist unser Schicksal, uns für immer bedingungslos zu lieben und füreinander da zu sein.“
Dem Mann stockten die Worte im Hals und so bediente er sich der Sprache der Küsse.

Nachdem sich die beiden die ganze Nacht verliebt im Arm gehalten hatten, bauten sie zusammen ein Königreich, feierten Hochzeit und die Tiere im Garten wurden ihre Kinder. Immer wenn ein Frosch durch das Gras vor ihrem Häuschen sprang, erinnerten sie sich liebevoll und dankbar an ihre erste Begegnung.

Für …

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