Anna Aliena You're My Heart You're My Soul

You’re My Heart, You’re My Soul: 10 Jahre nach Supertalent

(Von Anna Aliena) Mein alter Herr besaß eine Kassette von Modern Talking, als ich ungefähr elf Jahre alt war. Wahrscheinlich hatte er die auf irgendeinem Grabbeltisch für Musik-Schnäppchen mitgehen lassen. Irgendwann habe ich sie mir gekrallt und in meinem Zimmer dazu getanzt – mit meinem „Freund“ Anno, den ich mir aus zwei Luftballons gebastelt und sogar mit Klamotten und einer alten Kurzhaarperücke meiner Mutter ausgestattet hatte. Heute wäre unser Tänzchen vielleicht ein Insta-Hit geworden.

Jahre später stand ich vor dem Komponisten meines Kinderzimmer-Soundtracks – nicht mit Anno, sondern mit meinem damals besten Kumpel Oliver. Zusammen bildeten wir das Duo ShirayasDream. Wir hatten große Pläne und die katapultierten uns prompt in eine gewisse TV-Show, bei der Dieter Bohlen bis heute in der Jury sitzt.

Wie ich beim Supertalent landete

Im Frühjahr 2009 klingelte plötzlich mein Telefon. Am anderen Ende meldete sich eine sympathisch klingende Dame, die sich als Redakteurin der Produktionsfirma Grundy vorstellte. Sie fragte mich, ob ich Lust hätte, bei „Das Supertalent“ mitzumachen.

„Nein“, schoss es aus mir heraus. „Meine Musik passt da nicht so ganz ins Konzept. Und woher haben Sie überhaupt meine Nummer?“

Sie erklärte es mir: Ich hatte mich vor geraumer Zeit für eine Musical-Show beworben, das Casting aber aus terminlichen Gründen abgesagt. Daraufhin verwickelte mich die Lady in eine nette Plauderei über die Musik von ShirayasDream, die ihr ja sooo interessant erschien. Am Ende hatte sie mich dermaßen weich geklopft, dass ich sagte: „Okay, ich werde das mit meinem Kollegen Oliver besprechen.“

Der war Feuer und Flamme: „Hey, lass und das machen, das könnte unsere Chance sein!“

Voller Elan stiefelten wir wenig später zu einem Berliner Vor-Casting von „Das Supertalent“. Im Gepäck hatten wir unseren Song Floating In Space, dessen Refrain ein bisschen an „Total Eclipse“ von Klaus Nomi erinnert. Ich hörte Klaus 2009 rauf und runter!

Anna Aliena covert You're My Heart, You're My Soul
Screenshot aus dem Video „You’re My Heart, You’re My Soul“

Das Vor-Casting beim Supertalent 2009

In Stufe eins des Castings performten wir noch nicht vor Dieter Bohlen und Konsorten: zuerst vor einem einzelnen Redakteur, dann noch einmal vor ihm und mehreren seiner Kollegen. Zwischendurch wurden wir interviewt und ich ließ vor der Kamera folgenden Satz fallen: „Ich fühle mich wie ein Alien in der Musikszene.“ Deshalb hatten Oliver und ich unserer Mucke auch den Stempel Alien Pop aufgedrückt. Die Redakteure gaben sich begeistert von allem, was wir sagten und taten. Derweil fühlten wir uns wie die bald erstrahlenden Sterne am Musikhimmel. Mit einem Gefühl von Supertalentiertheit fuhren wir nach Hause und wurden noch kreativer als ohnehin schon.

Wochen vergingen, im Juli 2009 klingelte wieder mein Telefon. Ein ebenfalls ganz sympathischer Redakteur von Grundy verkündete: „Ihr seid dabei! Tragt bitte die gleichen Klamotten wie beim Vor-Casting.“

Wirklich? In der Zwischenzeit hatte ich mir ein viel cooleres Bühnen-Outfit zugelegt. Aber wenn es unbedingt sein soll: Ich schlüpfte noch einmal in mein kurzes schwarzes Gothic-Kleid mit den Metallketten und den roten Schnüren. Vor zehn Jahren gefiel mir das so.

TV-Aufzeichnung im Admiralspalast

Es kam der 7. August 2009 – in Berlin ein brütend heißer Hochsommertag. Oliver und ich spazierten frohen Mutes mit etwas Lampenfieber in den Admiralspalast. Dort hatte sich RTL mit der Supertalent-Aufzeichnung eingenistet. Eine Redakteurin empfing uns: „Macht euch schon mal bereit, ihr kommt gleich dran.“

Dann gesellten wir uns zu unseren Mitstreitern in den Warteraum. Es waren viele Kinder in Begleitung ihrer verbissen starrenden Mütter dabei. Neben mir saß ein etwa sechsjähriges Mädchen auf einer roten Plüschcouch. „Na du, was machst du hier heute?“, fragte ich die Kleine. Sie streckte die Nase in die Höhe und wendete sich ab.

Oliver und ich warteten, warteten und bekamen immer wieder von Redakteuren die Ansage, dass wir gleich dran seien. Stundenlang. Es gab zwar nichts zu essen, aber literweise stilles Mineralwasser. Das brauchte ich auch, denn ich schwitzte in der sommerlichen Hitze aus allen Poren.

Am späten Nachmittag wurden wir zu einem sogenannten „Briefing“ beordert. In einem Büro verklickerte uns ein Redakteur, dass wir mit der „Alien-Nummer“ Stimmung machen sollten und dass das Publikum ziemlich laut werden könnte. Ja, Stimmung wollte ich mit „Floating In Space“ auf alle Fälle machen!

Nachdem uns eine Maskenbildnerin noch mal abgepudert hatte, wurden wir mit Mikros verkabelt und standen in einem düsteren Gang, der sich wie die Schleuse zur Hölle anfühlte. „Ich hab eine Valium eingeworfen“, gestand mir Oliver. „Ich glaube, ich kriege eine Panikattacke.“

„Und ich komme mir vor wie früher beim Elternsprechtag, kurz bevor meine Mutter nach Hause gekommen ist“, stammelte ich.

Zwei Musiker am Pranger

Dann ging es los. Mit einem Adrenalin-Schock schritt ich auf die Showbühne, wo ich gegen eine Mauer aus stickiger, aufgeheizter Luft knallte. Das Publikum buhte, vor uns saßen Bruce Darnell, Sylvie van der Vaart (jetzt Meis) und Dieter Bohlen am Jury-Pult. Ich war verdattert: Warum buhen die Leute, obwohl wir noch gar nichts gesagt haben? Das fragte ich daraufhin auch prompt in die Menge.

„Geh nach Hause!“, schrie eine Frau oben auf dem Rang.

Die Aggression steckte mich an. Ihr solltet wissen: 2009 war ich viel reizbarer und impulsiver als heute.

„Geh doch selbst nach Hause!“, pfefferte ich zurück. Und damit war ich dem Spiel von RTL und Grundy perfekt auf den Leim gegangen. Im Gegensatz zu Oliver, der ruhig neben mir stehen blieb.

„Hast du was genommen?“, fragte mich Bruce.

„Nee, nur Mineralwasser getrunken“, konterte ich mit der Wahrheit, die niemanden interessierte. Genauso wenig wie der Song, bei dessen Darbietung noch mehr Tumult im Saal ausbrach.

Offenbar hatte die Redaktion Bruce böse Worte in den Mund gelegt, Sylvie und Dieter hielten die Klappe. Letzterer verschwand sogar mitten in den Buh-Rufen hinter den Kulissen. Mit der Ankündigung „Nächstes Mal gehe ich zu Arte oder 3sat“ machte ich die Biege.

Meine entsetzten Freunde, die von Platzanweisern in die hinterste Reihe des Admiralspalastes verfrachtet worden waren, erzählten mir, dass die Zuschauer in der sauna-artigen Hitze über Stunden ohne Wasser ausharren mussten und eigentlich vor unserem Auftritt ihren Durst stillen sollten. Getränke hatten Grundy und RTL ihnen aber vorenthalten und ihnen stattdessen ShirayasDream präsentiert.

Wegen des Krawalls war eine TV-Ausstrahlung nach dem Erlebnis jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich legte „Das Supertalent“ zu den Akten und produzierte weiter mit Oliver Musik. Drei Monate später wurde mir klar, dass ich die Rechnung ohne RTL gemacht hatte. Ich hatte keine richtige Arbeit, meine eheähnliche Beziehung lag in Trümmern und nun war ich auch noch der Depp der Nation, der sich „wie ein Alien fühlte“ und von der eigenen Familie mit Vorwürfen bombardiert wurde. Sprich, ich war am Arsch – und den Zusammenschnitt fürs TV habe ich mir nie angeschaut.

Anna Aliena, Sängerin
Screenshot aus dem Video „You’re My Heart, You’re My Soul“

You’re My Heart, You’re My Soul

Aber egal, Schnee von gestern, ich lebe noch. Und wie! Zehn Jahre nach „Das Supertalent“, aus dem 2009 wohlverdient ein Hund als Sieger hervorgegangen ist, kehre ich nun zurück zu dem kleinen Mädchen mit der Kassette von Modern Talking. Statt wieder aus Luftballons einen Anno zu bauen, habe ich „You’re My Heart, You’re My Soul“ gecovert. Es hört sich natürlich ganz anders an, als wenn Thomas Anders singt.

Für das Musikvideo habe ich mir trotzdem ihm zu Ehren meine roten Haare dunkel getönt und mir eine Nora-Kette um den Hals gehängt. Ursprünglich war es mein Plan, in dem Clip mit Vokahila-Perücke auch Dieters Part zu übernehmen, doch dann hatte ich eine bessere Idee. Mein guter Freund Max, der beim Supertalent in der hintersten Reihe saß, verkleidet sich regelmäßig bei Furry-Events als Wolf. Seine haarige Figur Sazi spielt neben mir im bunten Galerie Studio St. St. in Berlin-Neukölln aufblasbare Gitarre, während ich auf einem ebenfalls aufblasbaren Trage-Keyboard klimpere. Eines der Highlights in dem Video sind die kreischend bunten Gemälde und Skulpturen der wunderbaren Künstlerin und Transe Juwelia Soraya alias Stefan Stricker.

Bei den Dreharbeiten hatten Max und ich eine Menge Spaß, was man uns, denke ich, auch ansieht. Und Dieter, wenn Dir das Video irgendwann mal begegnen sollte: Schreib mir, falls Du Lust hast, einen Kommentar. Ich besuche Dich mit „You’re My Heart, You’re My Soul“ auch gerne als Vor-Act bei Deiner Tour.