Die Hochzeit

Pauls Mutter erhebt sich von ihrem Platz an der festlich gedeckten Tafel und bringt mit dem Dessertlöffel ihr Weinglas zum Klingen. Ungefähr 50 Augenpaare richten sich auf die sympathische kleine Frau mit den großen, strahlend blauen Augen.
“Paul, ich freue mich riesig, dass wir uns heute hier im schönen Grunewald versammelt haben”, beginnt sie ihre Rede zu halten. “Ich möchte nämlich, dass du eines weißt: Seit deiner Kindheit wünsche ich mir für dich eine Partnerschaft, in der du ganz du selbst sein kannst. Eine Partnerschaft, die dir ein Zuhause bietet, die dich trägt, unterstützt, auch wenn sich das Leben gerade von seiner etwas dunkleren Seite zeigt. Es gab Jahre, in denen das Schicksal es nicht ganz so gut mit deinen Beziehungen meinte. Du hast sie gemeistert und bist daraus gestärkt für eine ganz besondere Seelenpartnerschaft hervorgegangen – eine Partnerschaft voller Liebe, gemeinsamer Interessen, kreativer Hobbys und Pläne.”
Coco wäre in schallendes Gelächter ausgebrochen, wenn man ihr vorher gesteckt hätte, dass sie weinen würde. Nur in Herzschmerz-Filmen flennen die Mütter und die Tanten auf Hochzeiten, dachte sie bis zu diesem Augenblick. Jetzt stehen bei ihr höchstpersönlich Tränen in den Startlöchern und sie hat keine Lust, die Schleusen vor den anderen zu öffnen. Sie kennt Paul seit sechs Jahren und in den ersten vier Jahren ihrer Freundschaft hatte sich so manche Pfeife an seine Seite gesellt. Dass sie an diesem sonnigen Tag im Mai mit ihm Hochzeit feiert, rührt sie fast so heftig wie die Worte seiner Mutter, mit der sie sich seit der ersten Begegnung im Standesamt prächtig versteht.
“Wenn ich euch beide sehe, geht mir das Herz auf – euer Einfühlungsvermögen oder die Art, wie ihr miteinander scherzt. Ich hoffe, ja, ich bin mir sicher, dass ihr es euch ganz schön macht und oft zusammen auf Reisen geht, wie ihr es euch vorgenommen habt.”
Die ersten Tränen tragen sich selbst über die Schwelle. Schneller als es Coco lieb ist, rollen sie von den geschminkten Lidern zu ihren Wangen. Ihr Gegenüber am Tisch, Pauls Freundin und Kollegin Angélique, glotzt noch trübsinniger aus der Wäsche als sie es schon den ganzen Tag lang getan hat – seit der Trauungszeremonie im Eheschließungszimmer des Bürgeramts Lichtenberg. Coco weiß nicht recht, was sie von dieser Dame halten soll. Angélique hat noch kein einziges Mal gelächelt! Nun ist sie froh, dass diese lange wie breite Rubensfrau mit den blondschwarz gescheckten Haaren auch feuchte Augen bekommt. Schöne blaue Augen hat sie hinter ihrer schwarz geränderten Brille. Hübsche, traurige Augen. Ihre Vorliebe für schwarze Gothic-Outfits scheint sie mit Paul zu teilen.
“Würde dein Vater heute noch leben, wäre er mit Sicherheit genauso stolz wie ich, Paulchen. Viel zu früh mussten wir Abschied von ihm nehmen, aber in unseren Herzen feiert er mit uns dieses wunderbare Fest. Als Eltern wollen wir doch immer nur das Beste für unsere Kinder. Du und dein Vater, ihr beide wart unzertrennlich. Du hast ihm schon als kleiner Junge in der Zahnarztpraxis ausgeholfen, eifrig Patienten aufgerufen und Füllungen angemischt.”
Coco unterdrückt die lauten Schluchzer, die ihrem Mund entweichen wollen. Ihr Vater lebt.
“Zahnarzt bist du trotzdem nicht geworden. Ich finde es herrlich, dass du deine journalistischen und literarischen Talente für dich entdeckt hast und sie mit einem passenden Gegenstück voll zur Blüte bringen kannst.”
Coco ermahnt stumm ihre Augen: “Jetzt reicht’s aber!”
Ihr Wille hat ausgedient. Ungeniert ergießen sie sich weiter, so dass das Salz ihrer Tränen auf ihrer Haut brennt.
“Eure Radiosendungen, eure Texte – ihr stellt zusammen eine ganze Menge auf die Beine. Als deine Mutter, Paulchen, kann ich nur betonen: Macht weiter so! Ich wünsche euch alles, alles Gute und viele erfüllte gemeinsame Jahre.”
Pauls Mutter setzt sich wieder auf den Stuhl an der Festtafel und erntet für ihre kleine Ansprache jede Menge Applaus. Coco klatscht und ruft “Bravo!”.
Als das Klappern der Hände abgeklungen ist, setzt Pauls Schwiegermutter die Hochzeitsrede fort: “Ja, Conny, eigentlich hast du schon alles gesagt. Wünschen wir unseren beiden Turteltauben alles erdenklich Gute! Die Liebe ist ein Geschenk und mit der Zeit wird sie weiter wachsen und gedeihen. Wie ein Samenkorn, das ihr heute in der Erde vergraben habt. Jetzt steht ihr am Anfang einer langen Reise, auf der euch mit Sicherheit noch eine Menge Überraschungen begegnen werden. In dem Sinne wünsche ich euch auch viele tolle, positive Erfahrungen auf eurem gemeinsamen Lebensweg.”
Coco hat sich die leidigen Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht gewischt. Ein paar Zeilen von Goethe irren heimtückisch durch ihren Kopf, während sie über ihre eigenen Beziehungen Bilanz zieht: “Ihr verblühet, süße Rosen. Meine Liebe trug euch nicht …”
Zu Pauls Linken sitzt Peter, der übers ganze Gesicht strahlt: “Danke Mutti, danke Conny”, freut er sich. “Besser hätte ich es selbst nicht ausdrücken können. Trotzdem lasse ich es mir nicht nehmen, jetzt auch noch ein paar Worte zu meinem Engel zu sagen.”

(…)

Eheringe