Die Ausstellung

Mitten im Schwulen-Kiez von Schöneberg betreibt Brian eine Galerie. Der Enddreißiger aus England hat aus Altergründen seine Karriere als Ballerino an den Nagel gehängt und widmet sich seit zwei Jahren ganz der Kunst. Kunst in Form von Gemälden, Skulpturen und Musik. Ich nenne ihn „Mr. Fabulous“. Wer ständig Sätze wie „Baby, you’re so fabulous!“ und „Wow, this is gorgeous, darling!“ von sich gibt, der bettelt ja quasi um einen Spitznamen. Meine Homo-Freunde lästern über Brian, weil er sämtliche Stereotypen für Schwule bedient. Er tänzelt, spreizt beim Trinken den kleinen Finger und redet so persifliert tuntig, dass man sich fragt, ob er sich selbst parodiert.
Wie an diesem Freitagabend Anfang Juni 2015. Vor einem Jahr war ich noch eine der vielen Queens seiner Galerie. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „war“. Brian hielt immer lange Lobhudeleien, bevor ich meine Performance-Kunst vorführen durfte, Theater spielte oder sang – meist alles zusammen in einer Show. Er wollte mich mindestens einmal im Monat in seinen heiligen Hallen auftreten lassen und mir eine Fan-Base verschaffen, natürlich für lau. Kaum eine Location in Berlin will mich anständig bezahlen. Ich habe mich deshalb ein bisschen frustriert aus der Kunstszene zurückgezogen, denn wer von den Hanseln im Zuschauerraum würdigt schon anständig die unzähligen Stunden meiner Herzblut-Arbeit? All die Zeit, die ich brauche, um meine Werke zu kreieren? Brian hat mich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Eine Alltäglichkeit in dieser Hauptstadt der Oberflächlichkeiten und (Ent-)Täuschungen!
Also, scheiß drauf, ich ziehe mir einfach mal seine Ausstellung „Tender Gender“ rein.

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Ausstellung