Der Traum

Durch den bordeauxroten Satin-Vorhang vor ihrem Schlafzimmer-Fenster fallen Sonnenstrahlen aufs Bett. Sie wirft einen Blick auf ihr Smartphone. Es ist der 21. April 2015, 6:18 Uhr. Ihr Kopf gräbt sich schwer in die weiche Unterlage. Vom leeren Kopfkissen zu ihrer Rechten steigt eine Duftwolke auf und kitzelt an ihrer Nase: das üppige, feminin-maskuline Parfum, das ihren Verstand immer in Körperregionen unterhalb des Bauchnabels abdriften lässt. Ein Mix aus Blüten, Vanille und dem Körpergeruch des Mannes, der in der Nacht durch ihre Träume gegeistert ist.
“Hier riecht’s nach Herrn Bumsfallera!”, grummelt sie und die Geister der verstorbenen Vormieter lauschen ihr. Das bildet sie sich ein wie sie manchmal immer noch seinen giftigen Musenduft in ihren Nasenlöchern zu ertappen glaubt. Vor zehn Monaten hat sie den Kontakt abgebrochen. Deutschland spielte bei der Fußball-WM in Brasilien unentschieden gegen Ghana. Sie wartete an einer dunklen Straßenecke auf ihr nächtliches Date mit ihrem Herzensmann und dann … In ihrem Territorium ist ER seit jenem 21. Juni als persona non grata verschrien. Diesen Scheißkerl im Bett zu haben wäre fast so anregend wie die fette schwarze Spinne aus der Badewanne in ihr Schlafgemach einzuladen.
Im Traum war alles wieder ganz anders. Da haben sie in ihrer Lieblingsbar an der Spree stundenlang geredet und ein paar Gläser Rotwein zu viel gesoffen. Es ist absolut typisch Herr Bumsfallera, mit ihr rumzublödeln und auf den Geburtstag von Adolf Hitler anzustoßen! Seine Mutter habe am gleichen Tag das Licht der Welt erblickt wie Saddam Hussein, erzählte er ihr und lachte hysterisch. Sehr witzig! Wie sie so in ihrem Element waren, tranken sie auch auf ihr früheres Leben. Rasend vor Liebespein hatte sie ihn abgemurkst. Damals, fast zwei Jahrhunderte vor dem Rollentausch der Geschlechter, als der blonde Möchtegern-Jüngling noch eine schwarzhaarige Verführerin war.
“Ich bin in diesem Leben zum ersten Mal männlich und weiß in bestimmten Momenten nicht so recht, wie ich damit umgehen soll”, behauptete er. Dieses Statement beweist ihr endgültig, dass sie nur geträumt haben muss.

(…)

Dreams come true