Der Tod eines Kollegen

Entspannt schweifen ihre Augen über die Palmen und die rosarot blühenden Oleander-Bäume im Hotelgarten. Hinter dem Gebüsch an der schmalen, angrenzenden Straße glitzert das kristallklare Wasser der Adria. Kinderstimmen am Strand, ein lachender Mann und ein vorbeifahrendes Moped schallen zu ihr nach oben. Nach einer Schweiß treibenden Wanderung mit der Ü50/60-Reisegruppe und einem erfrischenden Bad im Meer hat sie es sich auf dem Balkon im zweiten Stock gemütlich gemacht. Vor ihr auf dem Tisch steht ihr Tablet, das sie mit einer Tastatur ausgestattet hat. Sie fände es unpraktisch, auf einem Touchscreen zu schreiben.
„Jetzt solllen die lieben Daheimgebliebenen in Berlin mal sehen, wie schön es hier ist“, denkt sie und schaltet das WLAN des Hotels ein. Sofort ploppen hunderttausend Facebook-Benachrichtigungen auf. Der Messenger verklickert ihr mit einigen Pling-Plings, dass ihre Freunde sie mit Nachrichten beehrt haben. Sie führt den Zeigefinger der rechten Hand auf das weiße F im blauen Quadrat. Facebook öffnet sich ratzfatz. Mindestens zehn Leute haben Winnetou-Bilder gepostet und mit Bemerkungen wie „R.I.P. Pierre Brice“ oder „Winnetou ist tot“ kommentiert.
„Ziemlich viele Schauspieler in den letzten paar Tagen gestorben“, sagt sie zu sich selbst. Sie erinnert sich an die Karl May-Festspiele in Bad Seegeberg. Als Kind hat sie dort Pierre Brice zweimal live gesehen. Winnetou war schon damals nicht mehr der Jüngste und ging kurze Zeit später in Indianer-Rente. In den nächsten Tagen stehen ein paar Drehorte im Wanderprogramm. Was für ein Zufall, dass fast zeitgleich der Hauptdarsteller das Zeitliche segnet!
Sie scrollt die Benachrichtigungen nach unten und erstarrt: ein Schwarzweiß-Foto von Tommi Ficker. Über dem Bild liest sie: „Mein lieber Freund Tommi hatte einen Unfall. Er hat ihn leider nicht überlebt. Ich bin zutiefst bestürzt!“

(…)

Blick vom Balkon