Das ist Berlin, Baby!

Ich kann nicht pennen. Wenigstens hat sich der Rest-Alkohol verflüssigt. Drei Gläser Rotwein – ich vertrage echt nicht so viel. Trotzdem muss ich den totalen Filmriss gehabt haben. Wie bin ich überhaupt hier reingekommen? Ist das eine Theatergarderobe? Auf der Schminkkommode vor dem Spiegel reiht sich ein Styropor-Kopf mit Perücke an den anderen. Pink, lila, blau, rot, gold, silber … In meinem persönlichen Fundus gibt es noch keine lila Perücke. Wenn ich nur wüsste, wo ich bin! Ich erinnere mich, dass ich gestern Abend vor Tommi und seinen neuesten Boulevard-Schlagzeilen weggerannt bin. Die Leute in der Galerie und der Rotwein haben es irgendwie geschafft, mich ein bisschen über mein Geheimnis hinweg zu trösten. Nach der Sache mit Tommi bin ich total durch den Wind zur Vernissage gehetzt und müsste jetzt friedlich in meinem Bettchen schlummern. Wo ist mein Bett? In meiner Wohnung stapeln sich auch Perücken, Requisiten, Kostüme und Schmink-Utensilien – doch dieser Raum: Ich kenne ihn nicht! Weiße Wände, der Spiegel, die Schminkkommode, davor ich, wie ich meine Augenlider mit lila-metallic Farbpartikeln übertünche. Blendend helles Licht überflutet mich von der Decke. Keine Fenster, nur eine Tür zu meiner Linken. Ich würde zu gerne Erkundigungen über meinen ominösen Aufenthaltsort anstellen. Ja, ich reiße die Tür auf. Ausnahmsweise interessiert mich die Wahrheit jetzt mehr als die bunten Möglichkeiten, neue Masken zu kreieren.

Es ist immer noch Nacht. Die Dunkelheit im klaustrophobisch engen Korridor liefert den Beweis. Ungefähr ein Meter trennt mich von einer zweiten Tür, welche sperrangelweit offen steht. Ich presche einen Schritt nach vorn. Im Dämmerlicht sehe ich jemanden auf einer Bettkante sitzen. Es ist … Tommi! Er starrt zielsicher in meine Richtung. Hellwach! Seine blauen Augen stoßen sich an meinen. Anscheinend hat er auch keines davon zugemacht, so übernächtigt wie sie mich aufspießen. Ich muss mit ihm über gestern Abend quatschen. Fatal für mich, dass er schon zu viel über meine emotionale Grippe weiß! Ich sollte ihn vielleicht fragen, was uns in diese Bude katapultiert hat und dann Tacheles mit ihm reden. Nein, ich bin ein kleines Mädchen auf der Flucht. Ich will zurück zu meinen Perücken, ehe ich wieder entflamme. Zwei Schritte rückwärts, die Tür fällt ins Schloss und meine Garderobe gewährt mir Schutz. Vor einer Woche um diese Zeit lagen Tommi und ich uns noch in den Armen. Die Leidenschaft hatte mit all ihrer Wucht Besitz von uns ergriffen. Das tut sie immer hinter den Kulissen und zerrt mir dann auf schamloseste Weise sämtliche Masken und Kostüme vom Körper. Tommi ist wie eine Bombe und ich werde zum Zünder, der sich beim Spiel mit dem Feuer verbrannt hat. Dabei hatte ich das Spiel doch selbst inszeniert. Ich war am Anfang die notgeile Schlampe, die diesen abgefuckten, fast 20 Jahre älteren Freak nur benutzen wollte!