Das Doppelleben des Korbinian M

Das Doppelleben des Korbinian M.

„Du bist heute ganz schön früh dran, Stella”, meinte die Bardame zu der Frau auf dem Hocker an der Theke.
Selbige schluckte betreten. Dass das Personal dieses Etablissements sich an sie erinnerte, zwiebelte auf ihrer Seele wie eine Ohrfeige. Auf dem Bildschirm rechts über der Bar flimmerten wie immer Pornos – der gleiche Rammel- und Stoßfilm, der auch auf dem zweiten Monitor über dem Sofa den Appetit anregen sollte. Viel cineastische Auswahl hatte die Lustlounge eh nicht zu bieten. Da war wieder dieser geliftete, über 50-jährige Solariumstyp, der mit fletschend weißem Zahnpasta-Werbegebiss im Gebüsch lauerte und es irgendwie immer schaffte, den jungen, durchtrainierten Stechern die Miezen mit den aufgepumpten Brüsten auszuspannen.
“Ich habe auf eurer Website gelesen, dass hier bis 22 Uhr Dreharbeiten stattfinden sollten. Darf ich fragen, für welchen Film?”, versuchte die Frau mit dem Lustlounge-Decknamen Stella, die Bardame in ein Gespräch zu verwickeln.
“Porno”, antwortete ihr Gegenüber hinter der Theke gelangweilt. “Das Team packt gerade die Sachen zusammen.”
Stella schaute interessiert von ihrem Mädchenbier mit Grapefruit-Geschmack auf. “Echt? Die Crew ist noch hier? Das finde ich ja spannend.”
Pornofilme heizten Stella auf wie ein Eisklotz und interessierten sie ähnlich brennend wie ein umgefallener Sack Reis in China. Allerdings tummelten sich die Macher und Akteure noch irgendwo in den dunklen Ecken der Lustlounge, und das faszinierte sie.
Die Bardame offenbarte: “Hier werden öfters Pornos gedreht. Ohne die Herrschaften hätte ich heute meinen freien Samstag gehabt, aber irgendeiner musste ja den Laden aufschließen …”
Sie seufzte und fing an, Gläser zu spülen. Anscheinend war da jemand fast so frustriert wie Stella. Kein einziger Mann in Sichtweite und hinter ihr an einem der Tische ein schwabbeliges Ü60-Paar. Lustvoll wirkte gerade nur der Name Lustlounge. Nicht einmal die Darsteller auf dem Bildschirm schienen richtig Spaß zu haben. Die machten nur ihren Job wie die Bardame mit ihren Gläsern. Sie war übrigens keineswegs so sexy angezogen wie man es sich in seiner Fantasie ausmalt, wenn man noch nie einen Swingerclub von innen gesehen hat. Die kurzhaarige Mittzwanzigerin mit Metallbrille im ungeschminkten Mädchengesicht trug ein schlabberiges dunkelblaues T-Shirt mit dem weißen Schriftzug “Lustlounge” und als Unterteil hellblaue Jeans.
Wenn keine Beute in Sichtweite war, plauderte Stella gerne mit den freundlichen Mitarbeitern der Lustlounge. Es zeichnete sich allmählich ab, dass sie diesmal leer ausgehen sollte. “Zu blöd, dass es mit Beziehungen nicht klappt. Mit einem festen Freund müsste ich nicht hier rumhängen”, dachte Stella zum hunderttausendsten Mal und beobachte zwei langhaarige, braun gebrannte Schönheiten in Mini-Röcken. Sie stolzierten Richtung Ausgang und erinnerten Stella in ihrem Aufzug an die Damen auf dem Straßenstrich zwischen Bülowstraße und Nollendorfplatz.
“Sag mal, sind das die weiblichen Darstellerinnen?”, fragte sie die Bardame mit gedämpfter Stimme.
Die schaute kurz von ihren Gläsern auf und sagte monoton: “Darstellerinnen nennst du die … Ja, scheint so.”
“Also, ich könnte den Job nicht machen”, kommentierte Stella den Abgang der beiden Grazien.
“Ich auch nicht”, meinte die Bardame und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit.
In dem Moment schritt ein junger Mann mit Babyface durch den Rundbogen rechts von der Bar, welcher in den Raucherraum und den Essbereich der Lustlounge führte. Er hatte unschuldig wirkende braune Augen und glänzendes hellbraunes Haar, von dem ihm eine der etwas länglichen Strähnen ins Gesicht hing. Die oberen Knöpfe seines kurzärmeligen gelben Hemdes standen offen und gaben den Blick frei auf eine glatte, haarlose Brust. Stella spürte, dass sich ihre Augen an den Jüngling hafteten. Wirklich attraktive Männer traf sie sonst nämlich eher selten in der Lustlounge.
“Steffi, könnte ich bitte noch schnell ein stilles Wasser haben?”, sprach er die Bardame an. “Ich bin total erschöpft.”
Während Steffi ihm das gewünschte Wasser einschenkte, fragte ihn Stella: “Bist du etwa der Hauptdarsteller in dem Film?”
“Wir hatten heute mehrere Darsteller. Trotzdem musste ich ganz schön hart ackern”, sagte er und zwinkerte Stella lächelnd zu. “Ich bin übrigens Korbinian.”
Einen Porno-Darsteller hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Dieses Exemplar wirkte eher wie der nette Sohn vom imaginären Anwaltspaar nebenan. Korbinian … Was für ein gestelzter Name! Stella packte die Gelegenheit beim Schopfe und löcherte ihn mit Fragen: “Erzähl mal, wie läuft solch ein Dreh eigentlich ab? Ich persönlich stelle es mir schwer vor, auf Kommando vor laufender Kamera zu vögeln.”
Korbinian nahm sie nun genauer ins Visier und fing an, aus dem Nähkästchen zu plaudern: “Wenn gar nichts geht, hilft halt Kopfkino. Vor einer Szene hat man ja immer ein bis zwei Minuten Zeit, sich in Stimmung zu bringen. Mit den hübschen Kolleginnen heute flutschte aber alles wie geschmiert.”
Stella musste über seine charmante Coolness lachen und konnte es sich nicht verkneifen, noch einmal nachzuhaken: “Und der Job macht dir Spaß?”
“Würde ich ihn sonst machen? Hey, ich muss jetzt los. Gib mir mal deine Nummer, dann können wir nächste Woche weiter quatschen.”
Korbinian kippte sein Wasser runter, zog sein Handy aus der Hosentasche und setzte sich auf den Hocker neben Stella. Für gewöhnlich stand es auf der Liste ihrer No-Gos, mit Männern in der Lustlounge Nummern auszutauschen. So tippte sie zwar die richtige Abfolge an Ziffern in den Touchscreen ein, speicherte den Kontakt aber als “Stella” ab. Es war einfach der falsche Ort, ihren echten Namen in die Welt hinaus zu posaunen!
“Wohnst du hier in der Gegend?”, wollte Korbinian wissen.
“Ja, entweder 20 Minuten zu Fuß oder zwei Stationen mit dem Bus.”
Stella sah es gar nicht ein, für ihre lebenden Dildos quer durch Berlin zu reisen, schon gar nicht mitten in der Nacht, wenn die nervigen Besoffenen mit den Öffentlichen unterwegs waren und alles vollkotzten.
“Ich wohne in Kreuzberg”, teilte Korbinian ihr mit und verabschiedete sich mit einer flüchtigen Umarmung. Plötzlich war er so schnell verschwunden wie er Stellas Bekanntschaft gemacht hatte.
Steffi hinter der Bar grinste und sagte: “Viel Glück euch beiden.”
Stella seufzte: “Glaubst du echt, dass der Porno-Onkel sich bei mir meldet? Der hat doch schon berufsbedingt an jedem Finger zehn.”
“Wer weiß. Das ist ein ganz alter Hase in der Branche.”
Diese Antwort überraschte Stella: “Wo soll der denn bitteschön alt sein?”
Sie schätzte ihn auf Ende 20 oder allerhöchstens 30.
Steffi zuckte mit den Schultern: “Manche Leute sehen eben jünger aus als sie sind.”
Stella wirkte nach gutem, befriedigendem Sex immer wie unter 20, glaubte sie, und verfluchte nicht nur deshalb die Tatsache, dass sie viel zu unregelmäßig in den Genuss kam. Stattdessen ging sie einmal pro Woche in die Sauna und trainierte im Fitness-Studio ihre Muskeln. Bevor sie ohne das anvisierte Vergnügen durch die laue Mai-Nacht heimwärts marschierte, aß sie ein paar Häppchen Fingerfood und schwitzte eine Runde in der Sauna der Lustlounge. Es wäre ja kontraproduktiv gewesen, das Single-Dasein frustrierender zu gestalten als es ohnehin schon war! Genussvoll ließ sie sich die Süßkartoffel-Häppchen mit Tomatensalat auf der Zunge zergehen, denn als Single-Frau zahlte sie dafür in der Lustlounge keinen Cent extra.

Montag Nachmittag in der U-Bahn zwischen Eberswalder Straße und Schönhauser Allee zuckte sie vor Schreck zusammen. Grund dafür war weniger das Vibrieren ihres Handys in der Hosentasche als die Tatsache, dass der Absender der WhatsApp-Nachricht sie Stella nannte. Auf dem kleinen Foto links oben auf dem Bildschirm lächelte ein Yuppie-Typ in weißem Hemd und Sakko. Sie schärfte die Pupillen und erkannte Korbinian.
“Wie kannst du aussehen wie ein geleckter Banklehrling und in Pornos mitspielen?”, fragte sie sich in Gedanken und las: “Hi Stella, wie geht es dir? Hast du nächsten Samstag Zeit? LG, Korbinian”.
Sie wusste nicht genau, was sie sich von diesem Kontakt versprach – ob sie einfach nur neugierig auf seine Einblicke in die Porno-Industrie war oder ob sie seine körperlichen Liebeskünste am eigenen Leib austesten wollte. Sie schrieb zurück: “Ach, der Pornostar! Bei mir ist alles paletti. Samstag Abend habe ich wahrscheinlich schon was vor. Lass uns am besten noch mal telefonieren. LG, Stella”.
Korbinian kündigte an, dass er sich wieder melden würde und schwieg bis zum 24. Mai 2014.