Abschiedsständchen

Abschiedsständchen mit HerzEs wäre echt zu viel erwartet, den letzten Abend mit der Reisegruppe und Zlatko im Aufenthaltsraum zu verbringen. Im realen Leben bin ich nämlich eine grottenschlechte Schauspielerin! Ich kann nicht einfach so lächeln und Smalltalk darüber halten, wie wunderwunderschön diese Reise war. Am liebsten möchte ich alle angestauten Tränen frei lassen! Erst einmal quäle ich mein Tablet auf dem mintgrünen Ledersofa dieser stylischen 60er Jahre Retro-Lobby. Ich bin an den Plitvicer Seen, wo ich gestern nur mit einem Auge die wundersame Kunst der Natur aufsaugen konnte. Das andere war immer auf der Hut, möglichst in Zlatkos Nähe zu spazieren. Ich hasse meine blödsinnige Eigenart, Männern hinterher zu rennen! Um mich zurück in die Schranken der Vernunft zu weisen, habe ich mich heute morgen aus der letzten Wanderung ausgeklinkt. Einsam ließ ich mich an Wasserfällen vorbei durch die Silberseen-Landschaft treiben, fotografierte Schmetterlinge und türkise Libellen mit dunkelblauen Flügeln. Was ich sehen durfte, war zum Heulen traumhaft. Ich will endlich aufwachen aus dem faszinierendsten Alptraum meines Lebens!
Beim Abendessen hatte Zlatko an dem Tisch vor mir Platz genommen. Wir saßen uns mit einigen Metern Abstand gegenüber und hatten uns im Blickfeld. Ich registrierte, wie er mich aus den Augenwinkeln beobachtete. Manchmal erlaubten wir uns intensivere Blickkontakte. Wir lächelten uns an und durch meinen Magen schwirrten sämtliche Schmetterlinge von Plitvice.
Ich will ihn mit seinem süßesten Lächeln in Erinnerung behalten und kann es mir unmöglich zumuten, Zlatko ausgerechnet jetzt mit der Gruppe zu teilen!
„Hey, warum bist du weggelaufen?“
Oh nein, da ist er ja!
„Ach, nur so“, lüge ich ihn an.
„Komm doch zurück.“
„Danke, Zlatko! Danke für den romantischen Spaziergang! Das war ein ganz besonderer Moment für mich.“
„Ja, finde ich auch“, gesteht er mir.
„Ich habe hinterher sehr schlecht geschlafen. Meine Gedanken fuhren Achterbahn.“
„Ging mir genauso“, sagt er, was es mir noch schwerer macht, zurück nach Berlin zu fliegen.
„Ich wollte nur, dass du das weißt.“
„Warte kurz“, sagt er und geht zur Rezeption. Ich folge ihm mit den Augen. Er spricht mit der Empfangsdame. Zur Ablenkung lese ich meine neuesten Facebook-Benachrichtigungen. Das WLAN auf dem Zimmer spinnt.
„Willst du mit mir singen?“, unterbricht er mich ein paar Minuten später.

(…)